Ich bin Folkmusiker seit 1965 und habe seitdem einen kurvenreichen Entwicklungsweg zurückgelegt.

Meine Stationen in Stichworten:
Dylan, Rolling Stones, Lightnin’ Hopkins, John Mayall, Séamus Ennis, 5-string Banjo, Wie schön blüht uns der Maien, 30 Jahre Konzertgitarrenlehrer in der Musikschule, O’Carolan auf Gitarre, 30 Jahre Uilleann pipes bis zum Diplom, irischsprachige Lieder, Hardangerfiedel, andere Instrumente…

Und nach all diesen vielen mehr oder weniger tiefen Einsichten in die europäischen und davon abgeleiteten Musiktraditionen und vielen wahrhaft beglückenden Erlebnissen mit ihren Instrumenten, Liedern und Melodien in Konzerten und auch Unterricht blieb immer das Gefühl:

Ich muss zusehen, dass wir mit unseren eigenen Liedern, in unserer eigenen Sprache, von denen ich sicher bin, dass sie mit diesen Traditionen qualitativ gleichziehen, ins Reine kommen sollten, sonst entgeht uns etwas unvergleichliches. Und wie stehen wir vor den Vertretern der anderen Regionen da, mit ihrem Flamenco, Klezmer, sean-nós, Piping, …?

 

Genau das habe ich ja in den 1970ern, solo und auch mit Jürgen Schöntges, schon einmal gemacht: Alte Lieder aus den Büchern herauserweckt, auf die Bühnen gebracht und mit Stil und Instrumentarium der Nachbartraditionen neu interpretiert. Das war dann der “Deutschfolk”, und ich war mit Hannes Wader, Fiedel Michel, Moin und vielen anderen in guter Gesellschaft und gut im Geschäft. Dann war 1980 das Geschäft quasi über Nacht zu Ende, dieses Genre war nicht zu einer neuen Tradition geworden, sondern zu einer überholten Modeerscheinung. Daraufhin wollte ich wenigstens eine lebende Tradition konsequent durchdringen und machte mich über die Uilleann Pipes her. Sie haben mir beredt erzählt (und werden es immer weiter tun, unendliches kann ich da noch lernen), wie sich eine vitale, kreative, gleich stark in Geschichte wie in Moderne wirkende traditionelle, dabei hoch kunstsinnige Musik anfühlt, die zwar auch mit nationalem Selbstbewusstsein verbunden ist, aber über Verblendung weit erhaben ist.

 

Oft habe ich mich gefragt, ob ich nicht konsequent hätte bei den deutschen Liedern bleiben sollen. Immer kam ich zu dem Schluss: Nein, es hätte nicht die Begegnung gegeben mit den ausgefeilten Verzierungstechniken, dem Ozean von tausenden herrlichen Tunes, der hohen Dichtung des sean-nós, der Empfindungstiefe der slow airs, den graziösen Kompositionen O`Carolans. Sie haben mir den Standard gesetzt für den Fall, dass ich doch noch einmal die eigenen Lieder und ihr Potential aufgreifen würde. Und in meinem Umfeld (zu dem die Alpenländer nicht gehören) finde ich nichts dergleichen. Die wenigen Tanzmelodien haben fast alle lediglich BiBaButzemann – Qualität. Lediglich die guten alten Lieder aus den 1970ern blieben als verheißungsvolle Erinnerung im Gedächtnis.

Ich hatte zwischendurch immer noch einmal Phasen, wo ich es mit ihnen noch einmal versucht habe: In der Musikschule mit der Band “Cherry Alley”, denen ich deutsche Lieder im Deutsch- Folk-Stil zu arrangieren verordnet habe, aber auch experimentell als Soloprogramm. Und für dieses entdeckte ich dann, erstmals 2003, dann noch einmal 2007, aber vor zwei Jahren erst richtig, meinen jetzigen Liedbegleit-Favoriten: Die Deutsche Laute.

Dieses Instrument kennt irgendwie jeder, der mit Folk zu tun hat. Es geht um die Laute in Gitarrenstimmung, mit schmalem, kurzem Griffbrett, meistens mit zu hoher Saitenlage wegen hohen Alters und ihrer fragilen Konstruktion. Man findet sie als Deko in Folkie-Haushalten, auf Flohmärkten, mehr oder weniger ramponiert. Wenn spielbar, sind sie leiser als die Gitarren und man kann sie nur schwer in gute Spielhaltung bringen, wenn man sie nicht am Band umhängt. Die Mittelalter-Musiker finden sie natürlich passend zu ihrer Kostümierung, dabei viel leichter zu spielen als ein wirklich mittelalterliches Modell und verhelfen ihr derzeit dort zu einer Renaissance, ohne dass eine musikalische Innovation damit verbunden wäre. Ansonsten geht von diesen Instrumenten eine ausgesprochen altmodische Wandervogel-Assoziation aus, der aber auch gar nichts verheißungsvolles anhängt.

Mein Vater, geb. 1915, schwärmte von ihr als edlem Instrument. Dass er meine Idole der Stones und Beatles nur auf “Negermusik”-Niveau kommentierte, nährte meinen Verdacht, dass man es bei Lautenmusik mit hoffnungslos uncoolem Stoff zu tun haben musste. Eine Tante von mir soll sie konzertant mit großem Talent gespielt haben. Meine Mutter sah mein Talent somit genetisch bedingt und hegte stille Sehnsüchte. Meine Eltern erzählten etwas von Konzerten mit “Liedern zur Laute” in ihrer Jugend.

 

 

Da muss es also etwas gegeben haben, und ich lernte während meiner Konzertreisen auf den Folkfestivals in den 70ern die Letzten dieser Kultur kennen: Carl Wolfram, ein norddeutscher Volksliedinterpret mit Stimmausbildung, theatralischem Vortrag und viel Pathos. Dann Tönne Vormann, ein liebenswürdiger plattdeutsch singender Heimatliedersänger mit wenig Technik; er hatte die Laute schon gegen eine Konzertgitarre eingetauscht. Ähnlich Willi Schröer aus Osnabrück, mit recht schmissigen Rhythmen und altmodischer Konzertgitarrentechnik.

Im nächsten Beitrag, der am Freitag, 22. Januar hier auf dem World-of-Folk – Blog erscheinen wird, werde ich Euch erzählen, wie ich mich in den 90ern alten Quellen von Volksliedern zuwandte und mich zunehmend der Deutschen Laute widmete. In einem dritten und letzten Beitrag, der am Freitag, 29. Januar erscheinen wird, berichte ich Euch dann von den akutellen Entwicklungen der vergangenen drei Jahre und dem aktuellen Stand meiner Arbeit mit den deutschen Lauten für die Deutsche Laute.

 

http://www.kannmachmusik.de/

Wer mehr Inspiration möchte, kommt in meinen Workshop mit deutschen Volksliedern nach Elmstein, in der Folksounds – Reihe, am 28. – 31. Januar 2016 (schon die dritte Ausgabe) (http://www.folksounds.de/kreativer-umgang-mit-deutschen-volksliedern/?lang=de)

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3 Antworten zu “Deutsche Laute zur deutschen Laute”

  1. Hat dies auf Aig an taigh rebloggt und kommentierte:

    Tom Kannmacher erzählt auf dem “World of Folk”-Blog in den kommenden drei Wochen über seinen Werdegang und wie er zurück zur deutschen Folkmusik gefunden hat. Dazu gibt es tolle Liedumsetzungen von ihm!
    Schaut doch mal vorbei!

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