Teil I könnt Ihr hier nachlesen

Ich ging Ende der 90er ins Volksliedarchiv, dort fand ich Aufnahmen von Hanns In der Gand, der eigentlich Ladislaus Krupski hieß. Wäre er nicht ein berühmter Träger der rührseligsten Schweizer Soldatenlieder gewesen, ich wäre von ihm restlos begeistert wegen seines wuchtigen und rhythmisch intensiven Vortrags. Ansonsten ergaben meine Sichtungen der einschlägigen Noten und Dokumente zu diesem Instrument die ernüchternde Erkenntnis, dass auch hier die deutsche Neigung zur möglichst konsequenten kommerziellen Verflachung von Unterhaltungsmusik zutage trat.

Durch den Schweden Sven Scholander, der Ende des 19. Jhd in Deutschland mit internationalen Volksliedern konzertierte, fand das Instrument Eingang in die deutschen Konzertsäle. Er spielte eine schwedische Laute, die auch Gitarrenstimmung, aber zusätzliche Kontrasaiten hatte, die nach ihm benannte “Scholanderlaute”. Es gibt tatsächlich noch Tonaufnahmen von ihm auf youtube, die ihn als versierten und kunstsinnigen Lautenisten und Sänger zeigen. Er fand Nachahmer, die gleichermaßen als klassische Konzertsänger, aber, revolutionär, mit eigener Begleitung auftraten. Es gab in der Folge so etwas wie einen Vorläufer der Folkszene, zunächst mit internationalen Liedern, dann als immer größerem Schwerpunkt mit deutschen Liedern, durchaus als nationales Gut verstanden, aber auch mit neuen Liedern, Couplets, Dialektliedern, Kabarettliedern (Frank Wedekind spielte Laute). Es erschienen kleine Stars, etwa eine Elsa Laura von Wolzogen und ein Robert Kothe, der seine Chance darin sah, seine Karriere mit möglichst viel Nähe zu Nazi – Größen zu fördern. Mit der Zeit machten es sich die Nachahmer immer leichter mit der Spieltechnik, und die Liedauswahl wurde kommerzieller und berechnender, die Wandervögel erkannten, dass auch drei Griffe fürs Lagerfeuer reichten. Heinrich Scherrer setzte noch hohe Standards in seinem Zupfgeigenhansel. Drum herum wütete das Dritte Reich, und die arme Laute konnte sich gegen das unsägliche und unsingliche Liedgut nicht wehren. Die Richtung verkam letztlich zur seichten Schlager – und Volkstums – Hausmusik, und die Renaissance der ernsten Konzertgitarrenmusik zog nach dem Krieg die musikalisch anspruchsvollen Musiker an sich. Damit war das Ende dieses Genres besiegelt.

Hört man die Quellen und liest man die Noten dieser Musik, findet man folgende Stilistik vor:

Man singt im klassischen, für Folk – Ohren schwülstigen Stil.
Man spielte früher auf Darmsaiten, dann auf Nylonsaiten, die Wandervögel auf den billigeren Stahlsaiten.
Die Instrumente haben zuweilen zusätzlich 3 bis 6 diatonisch abwärts gestimmte freie Basssaiten, sog. Kontrasaiten. Sie sind eigenartigerweise schräg gespannt, vielleicht, um den auf den Hals eingehängten linken Daumen Platz zu machen. Diese Schrägstellung macht es sehr schwer, die Saiten zu treffen. Sie wurden deshalb nur selten angespielt. Aber sie treten in Resonanz zu den anderen und erhöhen die Klangfülle und den langen Ausklang beträchtlich. Manche Schulwerke raten stilistisch davon ab, sie “zu viel” zu gebrauchen. Ein irrationaler Rat. Bässe wählt man nach den Gesetzen von Harmonielehre und Kontrapunkt, nicht nach denen der Statistik. Ähnliches hört man über die Regulatoren der Uilleann Pipes.
Die notierten Sätze sind fest komponiert. Es gibt keine Improvisation, auch nicht auf den Tonaufnahmen. Es ist mehr oder weniger simplifizierte klassische Musik. Lediglich, dass sich der Sänger selbst begleitet, bricht mit diesem Prinzip.
Es werden die Techniken der Konzertgitarre vor Pujol / Tárrega angewandt: Kein Apoyando, seltsame “ausdrehende” Bewegungsformen der rechten Hand (Scherrer), Apoyando des Daumens (zum Dämpfen der Nachbarsaite) wie noch heute in der alpenländischen Gitarrentradition, kein Barrée. Oft spielt die Laute die Gesangsstimme mit.
Kein off-beat, kein Swing, kein Groove. Viel Ritardando; Pausen zwischen den Strophen wie im Chorwesen. Die Volkslieder klingen wie Kunstlieder.
Die Beatles waren eben noch nicht da. Und wenn, wurden sie mit “Negermusik” in Verbindung gebracht.

Warum hat es mich trotzdem geritten, dieses Instrument aufzugreifen ?

Ich besitze eine solche Laute seit 1976. Damals gab es einen kleinen Musikladen in Bonn, er gehörte einem Ehepaar Paulus. Wenn man eintrat, machte eine Türglocke kling-klang-klung, und man stand direkt vor dem Tresen. Dahinter Frau Paulus, und hinter ihr diese großartig aussehende Laute. Sie hatte eine ungewisse, aber verheißungsvolle Ausstrahlung von musikalischem Abenteuer an sich. Sie hing immer da an der Wand, zwischen anderen Instrumenten. Auf ihr klebte ein zettelchen: “Rep.” Sie war repariert worden und sollte abgeholt werden. Nach ein paar Jahren fragte ich, ob ich sie kaufen könne, nein, sie sei ja zum Abholen bereit… Mit dem Versprechen, den Handel rückgängig zu machen, sollte der Besitzer noch auftauchen, durfte ich sie dann für wenig Geld mitnehmen.
Das Stück ist von anderer Klasse als oben beschrieben. Sie wurde von Michael Wach 1905 in München gebaut, also, als das Genre noch respektabel war. Sie klingt wirklich großartig. Sie ist ein Unikat, mit unbekümmert stilgemischtem Design, mit anthroposophischer Korpusgestalt, gotischer Rosette und Jugendstil – Kopf. Der Auflegesteg für die Kontrasaiten ist eigens für das Instrument aus Messing gegossen und ahmt den (falsch gehaltenen) linken Daumen des Spielers nach. Das beste aber ist: Mit einer Stellschraube kann man die Halsneigung einstellen. Damit blieb ihr das Schicksal der zu hohen, irreparablen Saitenlage erspart, und die Saitenlage wird über alle Zeiten perfekt sein.

In einem dritten und letzten Beitrag, der am Freitag, 29. Januar erscheinen wird, berichte ich Euch dann von den akutellen Entwicklungen der vergangenen drei Jahre und dem aktuellen Stand meiner Arbeit mit den deutschen Lauten für die Deutsche Laute.

http://www.kannmachmusik.de/

Wer mehr Inspiration möchte, kommt in meinen Workshop mit deutschen Volksliedern nach Elmstein, in der Folksounds – Reihe, am 28. – 31. Januar 2016 (schon die dritte Ausgabe) (http://www.folksounds.de/kreativer-umgang-mit-deutschen-volksliedern/?lang=de)

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2 Antworten zu “Deutsche Laute zur Deutschen Laute II”

  1. Hat dies auf Aig an taigh rebloggt und kommentierte:

    Heute gibt es den zweiten Teil zur Deutschen Laute und zur Folkmusik in Deutschland. Lest rein. Und schaut Euch die Videos an! Es ist echt großartig, was Tom da macht!

    Liebe Grüße,
    Mina

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