Heute erscheint der letzte Teil zum Thema “Deutsche Laute zur Deutschen Laute”. Den ersten Teil findet ihr hier und den zweiten hier.

Vor ca. drei Jahren beschloss ich also, die Laute zu meinem zentralen Instrument für die Interpretation deutscher Lieder zu machen. Der Gedanke war: Ich möchte versuchen, diese unsere Musik in den Kreis der traditionellen Musik in der Rezeption durch die internationale Folk – Szene einzubringen, mit analogem Qualitätsanspruch auf ganzer Linie. Man hätte auch eine Gitarre nehmen können. Aber Gitarren gibt es überall. Diese Laute ist etwas, was nur wir haben. Sie sieht anders aus, hat der Gitarre die Kontrasaiten voraus, und einen eigenen Klang, den man erkennen kann. Es ist … sagen wir nicht Nationalinstrument; die anderen Länder können sich diesen Terminus unverdächtig erlauben. Es ist aber doch ein typisch deutsches Instrument. Ihre Vergangenheit zeigt, dass sie Potential hat, die sie in ihren Anfängen erahnen ließ. Die peinliche Weiterentwicklung lehrt uns, wie wir nicht mit ihr umgehen sollten; wie wir mit keinem Instrument und mit nichts umgehen sollten. Nicht viele solche traditionellen inländischen Instrumente sind auffällig in Erscheinung getreten: die Thüringer Wald – Zither und das elsässische Épinette des Vosges (Scheitholt), beide sehr lokal, fallen mir da noch ein.

 

 

Man kann und muss also einen neuen Stil darauf entwickeln, der alte Stil ist historisch und überholt, so wie das Uilleann Piping des frühen 19. Jahrhunderts, das zu Anfang der Kunstmusik angehörte und dessen sich erst später die traditionellen Musiker bemächtigten. Man muss also auch die Musik der Deutschen Laute im Sinne der internationalen Folkmusik modernisieren. Und an Anregungen dazu gibt es in meinem Gedächtnis keinen Mangel.

Ich machte mich also daran, das Instrument zu ergründen. Zunächst passte ich das Instrument meinen Anforderungen an.
Ich fand, dass im zweiten Wirbelkasten, den für die Kontrasaiten, noch Platz für einen Wirbel war. Ich sägte eine Mechanikeinheit von einer Konzertgitarrenmechanik ab, bohrte das Loch für die Achse und schraubte das Stück an. Den SSteg verlängerte ich zur Bassseite hin, bohrte das Loch für den Stöckel und zog die vierte Kontrasaite auf. Jetzt hat das Instrument 4 Contrasaiten in D, C, H und A, oder wie man sie der gespielten Tonart gemäß stimmen möchte. Diese Besaitung wird im Schulwerk von H. D. Bruger (dem meines Wissens besten für das Instrument) ausdrücklich als die praktikabelste empfohlen.
Der daumenförmige Aufleger am Wirbelkasten bekam neue Aufliegekerben für die Kontrasaiten, so dass diese parallel zur Halskante verlaufen. So findet der anschlagende Daumen sie immer an der selben Stelle, gleich wo die Hand registriert. Auf diese Weise sind die Kontrachöre auch auf den historischen Lauten angeordnet, und die Spieler damals wussten, was sie taten.
Ich musste zwischen Halsnase und Korpus eine Knochenplatte von ca. 2 mm Dicke einfügen und auch den Auflagesteg modifizieren, um perfekte Bundreinheit zu erzielen.
Ich habe Carbonsaiten und eine umsponnene g – Saite aufgezogen, um möglichst hohen Obertonreichtum zu erzielen.

Dann gings ans Üben. Meine musikalischen Vorstellungen waren ganz an den Vorbildern der lebenden Musiktraditionen orientiert:

 

 

In schneller Musik: Treibender groove. Kaum Ritardandi, wenn überhaupt, dann am Ende
In langsamer Musik: Immer noch sanfter Swing. Nur im Extrem nach der Idee der Slow Airs.
Alle Begleitung vielfältig improvisiert, dabei die klassischen Akkordbrechungen lebendig rhyhthmisiert, inklusive offbeat
Bewusst gewählte Bass – Stimmführung, kontrapunktisch zum Gesang, wie von der Konzertgitarrenliteratur gewohnt
Zwischenspiele und Vor – und Nachspiele mit kompletter Melodik, übers ganze Griffbrett, und Improvisationen
Tonarten der Singstimme entsprechend gewählt. Es ergab sich eine starke Konzentration auf D – und G – Tonarten.
Im Prinzip wende ich die Technik der Konzertgitarre an, mit Nagelanschlag und Einbezug von Apoyando, so wie im Studium von Fred Harz und Prof. Dieter Kreidler gelernt. Die habe ich auch 31 Jahre lang unterrichtet. Durch die Jahrhunderte entwickelt, bietet sie höchste Vielfalt und technisch rationalen Zugang zu allen Formen der Mehrstimmigkeit und Tonbildung.
Durch die Bearbeitung vieler irischer Tunes und Carolan – Stücke habe ich gelernt, von der Bindung an Literatur unabhängig zu werden und spontan in Konzertgitarrensätzen denkend zu improvisieren.

Die Laute nun bot eine neue Herausforderung: Die Kontrasaiten in diese Spielweise gleichermaßen wie die 6 gewöhnlichen Saiten spontan einbeziehen zu können. Es hat ein paar Jahre gedauert, um das präzise Raumgefühl für den rechten Daumen zu erlangen, das man braucht, um nicht die falsche Saite zu wählen, die ja mächtig falsch weiterröhrt. Eine andere Geschichte ist, diese Saiten zu dämpfen, wenn sie zu klingen aufhören sollen, weil eine neue angeschlagen wird. Aber die Mühe lohnt sich: Der Klang ist von einer anderen Klasse. Wenn man es schafft, diese tiefen Saiten in eine ordentliche Bass – Stimmführung hineinzubekommen, bekommt der ganze Satz fast schon etwas klavierartiges.

 

 

Ich arbeite nun seit gut zwei Jahren konsequent an diesem Projekt. Was ich bisher erreicht habe, ist ein guter Schritt in die richtige Richtung. Das Instrument klingt so, wie ein traditionelles Instrument klingt, dass dem Einfluss der in Deutschland allgegenwärtigen klassischen Stilistik ausgesetzt ist. Dies ist das heimische allgemeine musikalische Umfeld das war in Deutschland immer so, wie das starke Chorwesen und die vielen alten Lieder aus der Hand von mittelstarken Poeten und Halbklassikern zeigen. Aber die Einflüsse der internationalen Traditionen lasse ich so stark einfließen, dass deren Spielfreude, rhythmische Raffinesse und sinnliche Klanglichkeit dazu kommen, und das Ganze zu einem Stil zusammenwächst.
Aus dieser Arbeit erwächst mir eine unendliche Inspiration, die den Liedern, die im Liederbuch erst einmal so tüttelig und spießig aussehen, eine vollkommen neue Kraft verleihen. Klar, man muss die reflexive Distanz, die man erst einmal gegenüber so vielen Herzchen und Schätzchen und Blümchen und Symbölchen einnimmt, erst mal durch klare Analyse überwinden. Und dann findet man, dass diese Bauernmalerei – Lyrik in quasi wörtlicher Übersetzung in den hochgeschätzten Liedern Irlands, Schottlands & Co genauso auftritt .

Aber darüber in einem späteren Artikel. Wer das Zwischenergebnis meiner Bemühungen hören will, kann das auf youtube unter “Tom Kannmacher” tun. Wer mehr Inspiration möchte, kommt in meinen Workshop mit deutschen Volksliedern nach Elmstein, in der Folksounds – Reihe, am 28. – 31. Januar 2016 (schon die dritte Ausgabe) (http://www.folksounds.de/kreativer-umgang-mit-deutschen-volksliedern/?lang=de)

http://www.kannmachmusik.de/

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Eine Antwort zu “Deutsche Laute zur Deutschen Laute III”

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