{"id":1234,"date":"2016-03-19T09:30:02","date_gmt":"2016-03-19T09:30:02","guid":{"rendered":"https:\/\/worldoffolk.wordpress.com\/?p=1234"},"modified":"2020-01-03T10:53:54","modified_gmt":"2020-01-03T09:53:54","slug":"folk-artists-ein-unglaublicher-fundus-an-tanzmusik-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/folk.world\/de\/blog\/2016\/03\/19\/folk-artists-ein-unglaublicher-fundus-an-tanzmusik-teil-i\/","title":{"rendered":"Ein unglaublicher Fundus an Tanzmusik &#8211; Teil I"},"content":{"rendered":"<p><strong><span style=\"color:#000000;\">Im Januar 2016 wurde die Internetseite Folkloretanznoten.de optisch neu gestaltet. Seit \u00fcber 15 Jahren besteht diese Notensammlung im Netz mit heute mehr als 2.500 Tanzst\u00fccken aus dem Balkan, Europa und weiteren Teilen der Welt. Wir sprachen mit Jutta Weber-Karn, die <a href=\"http:\/\/www.folkloretanznoten.de\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener noreferrer\">folkloretanznoten.de<\/a> inzwischen federf\u00fchrend betreut.<\/span><\/strong><br \/>\n<!--more--><br \/>\n<strong>Lest heute den ersten Teil unseres Interviews mit Jutta. Am Karfreitag schalten wir den zweiten Teil des Interviews f\u00fcr Euch.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Liebe Jutta, Du hast folkloretanznoten.de als Internetseite schon seit einigen Jahren in Betrieb. Eine Seite mit einem riesigen Fundus aus niedergeschriebenen Noten als PDF-Dateien aus dem Balkan-Raum.<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Ja, Balkan ist sicherlich der Schwerpunkt, aber eigentlich sind das Noten aus ganz Europa und auch ein bisschen dar\u00fcber hinaus, wie beispielsweise aus Israel oder Amerika. Doch der Schwerpunkt liegt eindeutig auf Bulgarien, Rum\u00e4nien, Mazedonien und Griechenland.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Und das sind Folkloretanznoten, also Folklorenoten, die zum Tanz geeignet sind?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Wir machen die St\u00fcckauswahl danach: ein Tanzlehrer hat zu<\/span><span style=\"color:#000000;\"> irgendeinem <\/span><span style=\"color:#000000;\">Zeitpunkt eine Aufnahme benutzt, um einen Tanz zu erkl\u00e4ren; und diese Aufnahme wird dann<\/span><span style=\"color:#000000;\"> transkribiert.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Von Dir?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Auch. Aber begonnen hat das Martin Junghans Ende der 90er Jahre. Und seit ungef\u00e4hr 2008 bin ich dabei. Wir h\u00f6ren uns die Aufnahmen an und schreiben daraus ein spielbares Notenblatt.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Und andere Folkloretanzgruppen suchen aus dem Fundus die f\u00fcr sich passenden Noten heraus, die sie dann in der Musikgruppe spielen?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Beispielsweise, genau. Wir haben vorwiegend Sachen, die Tanzlehrer unterrichtet haben, die in Deutschland Seminare gegeben haben oder in Deutschland bekannt sind. Es gibt nat\u00fcrlich noch sehr viele andere St\u00fccke, die uns gar nicht bekannt sind. Letztendlich ist es so, dass Martin damals erst f\u00fcr seine eigene Tanzgruppe in Osterholz-Scharmbeck in Niedersachsen, die es immer noch gibt, St\u00fccke aufgeschrieben hat. Seine Tanzgruppe hatte noch nie nach CD-Musik getanzt, sondern immer nach Live-Musik; daf\u00fcr hat er prim\u00e4r geschrieben. Und dann gibt es seit bald 30 Jahren in Norddeutschland ein Pfingstseminar und ein Silvester-Seminar, die auch jeweils mit vielen St\u00fccken bedient werden. Dadurch hat sich die Website St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck aufgebaut.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Das hei\u00dft, Martin hat mit seiner Sammlung begonnen und diese irgendwann ins Internet gestellt. Und so ist diese Seite entstanden?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Die Seite fing an, als Martin begann, mit dem Computer Noten zu schreiben. Er hatte auch wesentlich mehr handschriftliche Noten im Schrank, was wir irgendwann feststellten: nochmal mehrere hundert St\u00fccke, die wir dann eingescannt haben.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Mehrere Hundert?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Mehrere Hundert. Im Moment sind wir bei <\/span><span style=\"color:#000000;\">zweieinhalbtausend.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Wow, unfassbar! Ist das nicht fast sogar ein Lebenswerk?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Ja, eigentlich schon. Derzeit schreibe ich nicht nur neu, sondern ich korrigiere, erg\u00e4nze und erweitere auch viel. Martin hatte einen anderen Ansatz als ich. Er war bis zu seiner Rente Musiklehrer, ihm ging es darum, m\u00f6glichst schnell irgend etwas Spielbares auf dem Papier zu haben. Mir geht es darum, diese Aufnahmen m\u00f6glichst exakt abzubilden. Au\u00dferdem ist es mir wichtig, die Quelle anzugeben, also wer das St\u00fcck gespielt hat oder welcher Tanzlehrer das St\u00fcck eingef\u00fchrt hat &#8211; sofern ich diese Informationen bekommen kann.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Das bedeutet, Martin hat die Noten notizartig aufgeschrieben, da er wusste, wie sich das anh\u00f6rt, und wie es wieder gespielt wird. Aber Dir war es wichtig, die Noten f\u00fcr Leute, die dieses Hintergrundwissen eben nicht hatten, so genau wie m\u00f6glich nieder zuschreiben und spielbar zu machen.<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Kann man so sagen. Er hat auch vollst\u00e4ndige Partituren geschrieben, wenn das f\u00fcr ein Seminar relevant war. Aber meistens wusste er f\u00fcr sich genau, wie man das phrasiert oder verziert und schrieb das nicht unbedingt in die Noten. Ich habe allerdings die Feststellung gemacht, dass, wenn sich jemand gar nicht mit jeweiligen Stil auskennt, es dann eher klingt wie ein deutsches oder zumindest westliches St\u00fcck.<\/span><span style=\"color:#000000;\"> Die Noten ersetzen nicht, <\/span><span style=\"color:#000000;\">sich mit der Musik zu besch\u00e4ftigen. Man kann nicht mit einem neuen bulgarischen St\u00fcck auf Noten beginnen, wenn man nicht wei\u00df, wie &#8220;bulgarisch&#8221; klingt.<\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\"><span style=\"color:#000000;\">Kenntnis des Stils <\/span><span style=\"color:#000000;\">ist wichtig<\/span><\/h2>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Es setzt demnach eine gewisse Kenntnis der lokalen Musik voraus, um die Noten interpretieren zu k\u00f6nnen?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Unbedingt. Man kann Folklore nicht bis ins Letzte notieren. Es ist keine Klassik. Es sind immer Kleinigkeiten drin, die sich nicht aufschreiben lassen, die man eher in der Besch\u00e4ftigung mit der Musik mit regionalen Spielern lernt und dann anwenden kann. Wenn man wirklich Folklore spielen will, kommt man da nicht drum herum. Zwar gibt es <\/span><span style=\"color:#000000;\">auf <\/span><span style=\"color:#000000;\">dem Markt viele Hefte mit Folklorenoten &#8211; die sind auch nicht schlecht gemacht &#8211; aber im Grunde sind das alles Notenbl\u00e4tter, bei denen Du, um wirklich Folklore zu spielen, wissen musst, wie das funktioniert. Doch diese Information geben diese Hefte nicht.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Ist das nicht ein Problem der Notation allgemein?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Im Grunde hat die Notation der Folklore geschadet. Schauen wir uns an, was in Bulgarien geschehen ist: Es gab keinerlei Notation bis in die 1910er, 1920er Jahre. Da hatte sich das erst dadurch etabliert, dass Leute nach Paris gingen und nach Deutschland und dort Musik studierten. Mit der symphonischen Komposition <\/span><span style=\"color:#000000;\">hielt <\/span><span style=\"color:#000000;\">die klassische Musik in Bulgarien Einzug und damit die Notation. Vorher wurde die Folkloremusik ausschlie\u00dflich m\u00fcndlich \u00fcberliefert. Es bildeten sich dadurch Feinheiten heraus, die so <\/span><span style=\"color:#000000;\">nirgendwo <\/span><span style=\"color:#000000;\">zu h\u00f6ren waren. Dann gab es in Bulgarien, wie in anderen L\u00e4ndern auch, ein nationales Erwachen; es entwickelte sich Interesse an der eigenen Kultur. Man k\u00f6nnte die Musik ja aufschreiben, die die Leute auf dem Dorf singen und spielen. Teilweise wurden hier nur die Texte oder nur die Melodie gesammelt. Die Forscher schrieben auf, was sie kannten, was ihr Schwerpunkt war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Ein sehr gutes Beispiel ist dieser <\/span><span style=\"color:#000000;\">Pirin<\/span><span style=\"color:#000000;\">-Achter. Es fiel mir auf, dass bei vielen alten Aufnahmen aus dem Pirin-Gebirge, also dem mazedonischen Teil Bulgariens, Aufnahmen, die wir sonst als 7\/8 kennen, ein l\u00e4ngeres Taktende hatten. Das ist ein Ph\u00e4nomen, das findet sich nur im Pirin. In der Republik Mazedonien, die musikalisch der Pirin-Region se<\/span><span style=\"color:#000000;\">h<\/span><span style=\"color:#000000;\">r verwandt ist, kommt das gar nicht vor und im restlichen Bulgarien auch nicht. Manche dieser fr\u00fchen Forscher haben die 8\/8 auch notiert, aber viele andere nicht. In der moderneren Spielpraxis f\u00e4llt das jetzt immer mehr hinten runter. Die Leute kennen die Acht nicht und spielen es als Sieben, also 3-2-2. F\u00fcr den Tanz macht das praktisch <\/span><span style=\"color:#000000;\">nichts aus, aber die Musik klingt anders. <\/span><span style=\"color:#000000;\">Solche Feinheiten verschwinden jedoch durch ungenaues H\u00f6ren und die entsprechende Notation. Sehr schade.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Wenn jemand ein St\u00fcck auf Deiner Website in Noten findet, es aber vorher noch nicht geh\u00f6rt hat: wie schafft er es, den Stil besser zu verstehen bzw. auch spielen zu k\u00f6nnen?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Er sollte versuchen, die Aufnahmen zu bekommen &#8211; vielleicht auf Youtube &#8211; m\u00f6glichst von Einheimischen gespielt. Findet er das Lied nicht, sollte er schauen, aus welcher Region es stammt und erst einmal Musik aus dieser Ecke h\u00f6ren, um den Stil <\/span><span style=\"color:#000000;\">an sich <\/span><span style=\"color:#000000;\">zu verstehen. Wir k\u00f6nnten zwar theoretisch die Aufnahmen auf die Website stellen, aber das w\u00e4re urheberrechtlich kaum machbar. Die Seite ist obendrein eine Non-profit-Sache. Wir verdienen nichts dran, das ist alles unsere Freizeit. Daher halten wir die Kosten gering und das Datenvolumen klein.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Welche Instrumente k\u00f6nnen hier mitspielen?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Im Grunde alle. Ich habe schon Transpositionen f\u00fcr beispielsweise das <\/span><span style=\"color:#000000;\">Fagott <\/span><span style=\"color:#000000;\">gemacht. Wenn man es nat\u00fcrlich original haben will, muss man sich die Instrumente aus der jeweiligen Region anschauen.<\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\"><span style=\"color:#000000;\">Die Instrumente f\u00fcr Folkloretanzst\u00fccke<\/span><\/h2>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Was w\u00e4ren typische Instrumente?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Das traditionelle Orchester in Mazedonien besteht aus Tambura, eine<\/span><span style=\"color:#000000;\">r<\/span><span style=\"color:#000000;\"> Langhalslaute; deren kleine Form, Tamburi<\/span><span style=\"color:#000000;\">c<\/span><span style=\"color:#000000;\">a, es auch in Serbien und Kroatien gibt. Dazu geh\u00f6rt ein<\/span><span style=\"color:#000000;\"> Kaval<\/span><span style=\"color:#000000;\">, das ist eine Fl\u00f6te mit einem ganz speziellen Mundst\u00fcck, ein Tapan, die gro\u00dfe Basstrommel; <\/span><span style=\"color:#000000;\">Dajre<\/span><span style=\"color:#000000;\">, eine Rahmentrommel mit Schellen. Und die <\/span><span style=\"color:#000000;\">Gajda<\/span><span style=\"color:#000000;\">, der Dudelsack. Bei moderneren St\u00fccken spielt auch das Akkordeon eine wichtige Rolle.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Es gibt doch zwei Arten der Gajda?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">In Bulgarien gibt es die normal gro\u00dfe Gajda, die <\/span><span style=\"color:#000000;\"><i>d<\/i><\/span><span style=\"color:#000000;\"><span style=\"font-family:Times New Roman, serif;\"><i>\u017e<\/i><\/span><\/span><span style=\"color:#000000;\"><i>ura gajda<\/i><\/span><span style=\"color:#000000;\">. Sie kommt haupts\u00e4chlich in der Mitte des Landes, in Thrakien vor. Im Gebirge der Rhodopen, im S\u00fcden, spielt man die <\/span><span style=\"color:#000000;\"><i>kaba gajda<\/i><\/span><span style=\"color:#000000;\">, die tiefe Gajda mit einem besonderen Klang, richtig sonor. Sie hat einen riesigen Balg. Das ist ein ganzer Tierk\u00f6rper mit abgeschnittenem Kopf und abgeschnittenen Beinen. Die Enden, also die Beine und der Kopf, werden dazu genutzt, die Spielpfeife und den Bordun einzubinden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Die Kombination von Gajda, Kaval und Tambura ist traditionell am h\u00e4ufigsten anzutreffen. Das ist auch in Bulgarien so, wobei hier noch die G\u00e2dulka <\/span><span style=\"color:#000000;\">dazukommt<\/span><span style=\"color:#000000;\">. Das ist eine Kniegeigen-Variante. Sie wird aber nicht auf dem Knie stehend gespielt, sondern mit dem unteren Ende in ein Band eingeh\u00e4ngt. Die Seiten werden nur ber\u00fchrt, man erzeugt Flageolettt\u00f6ne. Diese Geige hat so viele Resonanzseiten, dass es zu einem volumin\u00f6sen und sph\u00e4rischen Klang kommt. Sehr, sehr sch\u00f6n.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Und nicht zu vergessen ist der Gesang.<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Ja, der Gesang ist auch wichtig. Es gibt da viele verschiedene regionale Stile, die sich insbesondere in den Verzierungen ausdr\u00fccken. In Bulgarien gibt es auch einen speziellen Stimmsitz. Man kennt ja &#8220;Das Geheimnis der Bulgarischen Stimmen&#8221;, die Ch\u00f6re. Da kann man den Stil gut h\u00f6ren. Beim Nachmachen muss man sich an die Technik <\/span><span style=\"color:#000000;\">rantasten<\/span><span style=\"color:#000000;\">. Westliche S\u00e4nger sind oft der Meinung, es sei nasal und man m\u00fcsse sich dabei stark anstrengen, doch so ist es nicht. Man bildet einfach den Ton anders, nutzt andere Resonanzr\u00e4ume im Kopf als beim klassischen Gesang. Das ist eine besondere Technik. In \u00e4hnlicher Form ist das in Mazedonien zu finden, auch in Serbien, auf dem Dorf. Doch in Bulgarien ist dieser Stil am ausgepr\u00e4gtesten. Ganz wichtig ist, dass man im Sprechregister singt, also keine Kopfstimme verwendet.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Es wird also nicht besonders tief f\u00fcr die eigene Stimmlage, aber auch nicht besonders hoch gesungen?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Das Spektrum der singbaren T\u00f6ne ist begrenzt. Aber die traditionellen St\u00fccke haben auch ein eher kleines Tonspektrum.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Ist ja keine Klassik.<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Nein, ist keine Klassik. (lacht) Wobei in den letzten paar Jahrzehnten gerade in Bulgarien viele S\u00e4ngerinnen im klassischen Gesang ausgebildet wurden, zus\u00e4tzlich zu ihrer auf dem Dorf traditionell erlernten Technik. Die konnten dann nat\u00fcrlich auch andere komponierte St\u00fccke singen.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Aber sie haben die traditionellen Lieder dadurch nicht verdr\u00e4ngt oder modifiziert?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Ein bisschen modifiziert, aber nicht verdr\u00e4ngt.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Besitzen die hiesigen Folkloregruppen die traditionellen Instrumente aus den entsprechenden Regionen, um deren Musik hier zu spielen?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Eher weniger. Es gibt immer wieder einzelne Leute, die solche Instrumente spielen wie die Tambura, manchmal auch die G\u00e2dulka, die Geigenart aus Bulgarien. Doch das Problem ist schon allein, sich diese Instrument zu beschaffen. Zwar kann man sie auch \u00fcber das Internet bestellen, doch ob das dann ein gutes Instrument ist, ist die Frage. Ab besten kauft man es vor Ort und probiert es dort auch aus.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Also spielen die Musiker der Folkloretanzgruppen die Lieder Deiner Folklorenoten-Website mit ihren eigenen Instrumenten?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">So ist es. Man kann viel mit Akkordeon machen<\/span><span style=\"color:#000000;\">. Neuere <\/span><span style=\"color:#000000;\">Ensembles<\/span><span style=\"color:#000000;\"> aus S\u00fcdost-Europa verwenden viel Klarinette, in Griechenland sowieso.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Mit welchen &#8220;klassischen&#8221; Instrumenten spielt man hier bei uns die Folkloremusik ferner L\u00e4nder?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Geige, Klarinette, Akkordeon, Bass.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Blockfl\u00f6te auch?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Kann man nehmen, wenn man sie wirklich spielen kann. (lacht) Man kann auch Querfl\u00f6te verwenden. Die Gefahr dabei ist oft, dass man, wenn man bis jetzt nur klassische oder westliche Musik gespielt hat, einen Ansatz hat, der nicht so klingt, wie es sollte.<\/span><\/p>\n<h2 class=\"western\"><span style=\"color:#000000;\">Wie es klingen soll<\/span><\/h2>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Ist es wichtig, dass es so klingt, wie es soll?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Das h\u00e4ngt vom Einzelnen ab. Mir ist es wichtig, mich zumindest so weit anzun\u00e4hern, wie ich kann. Ich komme nicht aus den L\u00e4ndern, darum werde ich nie ganz so klingen wie jemand, der damit aufgewachsen ist. Ich denke, es ist eine Entscheidung, sich darauf <\/span><span style=\"color:#000000;\">einzulassen;<\/span><span style=\"color:#000000;\"> ob man es \u00fcberhaupt so genau will oder nur etwas haben m\u00f6chte, das sch\u00f6n fremd klingt. Klar, es gibt immer Leute, die das neu entdecken und erstmal anfangen, es zu lernen. Aber meiner Meinung nach hat es in jedem Fall etwas mit Respekt zu tun. Man sollte zumindest wissen, wie es richtig geht. Ob man es letztendlich auch so macht, ist wiederum ein k\u00fcnstlerisches Moment &#8211; folgt man dem Traditionellen oder schl\u00e4gt man einen anderen Weg ein? Aber sich daran zu begeben und \u00fcberhaupt gar nicht zu wissen, wie es richtig geht, halte ich f\u00fcr respektlos, denn wir bedienen uns einer anderen Kultur. Das ist nicht unsere; wir haben sie nur geliehen. Und dann sollten wir auch pfleglich damit umgehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">In der Tanzszene ist es oft \u00fcblich, einfach einmal eine andere Musik zu nehmen zu Choreografien, wohlgemerkt aus L\u00e4ndern, in denen wir nicht aufgewachsen sind, deren T\u00e4nze also nicht zu unserem traditionellen Hintergrund geh\u00f6ren. Einmal hatten wir den Fall, dass ein mazedonischer Tanz erkl\u00e4rt wurde &#8211; mit einer Musik, die nicht die originale war, das w\u00e4re ein mazedonisches Blechblas-Ensemble gewesen, mit einem sehr schwungvollen, dynamischen Instrumentalst\u00fcck &#8211; sondern da hatte irgendjemand ein Boyash-Gesangsst\u00fcck daf\u00fcr genommen (die Boyash sind eine Roma-Gruppe, die einen rum\u00e4nischen Dialekt spricht und in S\u00fcd-Ungarn lebt, weit weg von Mazedonien), und dann war das obendrein noch eine Interpretation von drei Schweizer Frauen. Das hatte mit dem original mazedonischen Blech-Orchester gar nichts mehr zu tun. Dies wurde den T\u00e4nzern, die das im Seminar gelernt hatten, noch nicht einmal mitgeteilt. Sie erfuhren also von den Tanzlehrern, es sei ein original mazedonischer Tanz, aber dass die Musik \u00fcberhaupt nicht stimmt, wurde nicht erw\u00e4hnt. Und das finde ich str\u00e4flich. Die Einheit von Musik und Tanz wird so nicht gewahrt.<\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">Ja, das ist schade, weil damit einiges vergessen geht.<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Es ist extrem schade. Die T\u00e4nzer geben das ja weiter, dann verbreitet sich das und nach einer Weile wei\u00df kein Mensch mehr um das Original. <\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color:#000000;\">W\u00e4re das nicht eine Fortsetzung von kreativem Liedgut?<\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color:#000000;\">Ich finde, da gibt es Grenzen. Zum Beispiel die Seniorentanzszene, die sich, soweit ich das bisher erlebt habe, \u00fcberall bedient. Die picken sich eine Melodie von hier und ein paar Schritte von dort, tun das alles in einen gro\u00dfen Kessel, r\u00fchren um und fertig ist ein neuer Tanz. Die haben gar nicht den Anspruch, das ordentlich und fundiert zu machen, sie wollen die Leute bewegen und unterhalten. Wenn ich allerdings zu einem Seminar gehe und gesagt bekomme, das sei ein mazedonischer Tanz, und dann komme ich mit einer Musik nach Hause, die weder mazedonisch noch \u00fcberhaupt aus S\u00fcdosteuropa ist; und noch nicht mal im Originalzustand und auch nicht kulturell verbunden mit dem Tanz (lacht) &#8211; dann passt da gar nichts mehr. Das ist f\u00fcr mein Verst\u00e4ndnis ein <\/span><span style=\"color:#000000;\">No-Go<\/span><span style=\"color:#000000;\">, es greift leider immer mehr um sich. Ist wohl ein Sport geworden, der Tanz. Die achten dann auch nicht auf Fu\u00dfstellung, Schrittl\u00e4nge, Haltung, sondern machen fr\u00f6hlich Aerobic mit Musik. Und das macht ihnen Spa\u00df, was ja auch wichtig ist&#8230; Aber dann sollen sie das Material bitte nicht als originale Folklore weitergeben.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Januar 2016 wurde die Internetseite Folkloretanznoten.de optisch neu gestaltet. Seit \u00fcber 15 Jahren besteht diese Notensammlung im Netz mit heute mehr als 2.500 Tanzst\u00fccken aus dem Balkan, Europa und weiteren Teilen der Welt. Wir sprachen mit Jutta Weber-Karn, die folkloretanznoten.de inzwischen federf\u00fchrend betreut.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1336,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[53,59,60],"tags":[70,104,144,194,233,236,244,247,262,266,277,338,352,362,398,439,470,541,543,546],"class_list":["post-1234","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-folk-artists-kunstlerportraits","category-folk-roots-kultur-traditionen","category-folk-tisch-berichte-geschichten","tag-akkordeon","tag-bass","tag-bulgarien","tag-dudelsack","tag-floete","tag-folk","tag-folklore","tag-folkloretanznoten-de","tag-geige","tag-gesang","tag-griechenland","tag-jutta-weber-karn","tag-klarinette","tag-kroatien","tag-martin-junghans","tag-noten","tag-rahmentrommel","tag-tamburica","tag-tanz","tag-tanzlehrer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/folk.world\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1234","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/folk.world\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/folk.world\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/folk.world\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/folk.world\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1234"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/folk.world\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1234\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13832,"href":"https:\/\/folk.world\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1234\/revisions\/13832"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/folk.world\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1336"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/folk.world\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1234"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/folk.world\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1234"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/folk.world\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1234"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}