Anne Niepold: Wie Belgien mit COVID-19 umgeht

Anne Niepold in Zeiten der Coronakrise

Anne Niepold macht normalerweise Musik mit ihrem Akkordeon. Die Coronakrise erlebt sie in Belgien mit durchmischten Gefühlen. Sie berichtet wie katastrophal für sie die Situation ist, spricht davon wie die Interimsregierung in ihrem Land agiert und hofft, dass die Gesellschaft sich dem Wert der Kultur in der Notsituation bewusst wird.

Dies ist der sechste Beitrag in der Artikelserie über das Leben der Folkmusiker während der Coronakrise.

Anne Niepold, wie erlebst Du die Situation in Belgien?

Hier in Belgien wurden schon ziemlich schnell drastische Maßnahmen durchgesetzt: Keine Events mehr, Schulen geschlossen, Cafés, Restaurants usw. Belgien hatte zum Moment des Ausbruchs der Krise selbst keine Regierung (fast ein ganzes Jahr nach den Wahlen). Die jetzige „Notregierung“ versucht der Situation gerecht zu werden. Meiner persönlichen Ansicht nach ist die einzige „Lösung“ das systematische testen, wie von WHO empfohlen. Ich denke Deutschland versuche das zu organisieren (meines Wissens?) aber hier in Belgien ist leider noch keine Sprache davon (Stand Ende März 2020). Es sind nicht genug Test vorrätig. Die Situation ist also wie Wasser auf wischen bei offenem Rohrbruch. Der Zustand in den Krankenhäusern ist bis jetzt zum Glück bei weitem weniger dramatisch als in Italien beispielsweise. Wenn es auch an allen Ecken und Enden jetzt schon an Masken und weiterem Material für die Versorger/Ärzte fehlt!

Was hat sich seit Beginn der Krise für Dich geändert?

Alle Konzerte sind abgesagt. Ich hatte einen sehr aktiven Monat März geplant und April sowie auch Mai. Jetzt habe ich nichts mehr, außer Ausgaben für all die gebuchten Flugtickets. Manche Festivals haben die Möglichkeit und Ethik diese Kosten zurück zu bezahlen, aber das ist leider eine Minderheit. Die Zukunft sieht nicht so rosig aus. Auch meine kulturelle Saison 2021 ist in großer Gefahr. Viele Auftritte im Ausland waren geplant, ich denke nicht dass freies Reisen bis dahin wieder erlaubt wird, geschweige denn Festivals. In einem Wort: KATASTROPHE

Wie bewältigst Du die Zeit?

Wie in vielen Länder werden die ersten Hilfsmittel auf die Beine gestellt. Auch hier scheint mir Deutschland ein Vorbild, denn die Kultur wird bei euch anscheinend nicht vergessen. In Belgien… Der Kultur ging es hier sowieso schon ehr schlecht. Bis jetzt also keine großen Wunder. Und ich persönlich habe aus verschiedenen Gründen im Moment zu gar nichts ein Recht. NIX.

Was macht Dir Angst und wo siehst Du Chancen?

Viele reden jetzt schon vom „danach“. Anne Niepold hat das Gefühl, dass die meisten Leute glauben alles werde wieder wie früher. Ich bin da eher skeptisch. Dem kulturellen Sektor ging es schon ziemlich schlecht in vielen Ländern. Wie wird das in der riesigen ökonomischen Krise die uns erwartet? Wer kann sich dann noch Extras leisten um zum Beispiel mit der ganzen Family in ein Konzert zu gehen? Außerdem: Konzerte, Festival, Workshops, das sind zusammentreffen von vielen Leuten. Wird das wieder erlaubt sein? Nur mit strengen Kontrollen? Und die Angst der Leute sich irgendwo an zu stecken – geht man dann noch ins Theater?

Aber, ja:  Jede Krise bringt Veränderung mit sich, AUCH im guten. Hoffentlich im Guten? Wahrscheinlich habe viele die letzten Tage darüber nachgedacht, wie man wohl die Quarantäne und das eingeschlossen sein erleben würde, wären da nicht: Musik , Filme, Theater, Instrumentkurse online – sprich NAHRUNG für die Seele, Abwechslung, Unterhaltung, Kultur. Hoffentlich wird das „danach“ nicht wieder von vielen vergessen, die „vorher“ schon praktisch fanden, mal schnell ein Buch für 5€ über Ama*** zu bestellen, weil’s so praktisch ist. Und billig, und beim Buchhändler „so teuer“, …die fanden dass 15€ für eine CD doch echt übertrieben ist.

Die Hoffnung also, das man sich der  «juste valeur des choses» (fairer Wert der Dinge) bewusst wird?

Wem möchtest Du Danke sagen?

Ich bin dankbar, dass viele Menschen doch Solidarität zeigen. Unter Freunden natürlich, aber auch Nachbarn, Unbekannten, die in dieser besonderen Situation anderen helfen, auf Unbekannte zu zugehen.

Enorme Dankbarkeit natürlich allen Leuten in erster Linie in den Krankenhäusern, dem medizinischen Sektor aber auch Personal im Supermarkt, Apotheken, Lieferservice, Feuerwehr. Alle diesen Personen, die (wie im kulturelle Sektor auch) seid JAHREN zu kurz kommen, weniger Geld, weniger Jobs, mehr Stunden, ausgenutzt bis zum Ende… und jetzt plötzlich „unsere Helden“ sind. Es wäre schön, wenn „danach“ wenigstens sie nicht vergessen werden, beispielsweise bei den nächsten Wahlen.

Anne Niepold

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